Eigentlich sollte es doch um die Geschichte gehen…

Ich höre und lese zur Zeit über sehr viele Dinge, die in der Science-Fiction und Phantastik zur Zeit schief gehen. Dinge, die meiner Meinung nach überhaupt nicht sein müssten, denn uns Autoreninnen und Autoren verbindet doch alle eines: Wir wollen eine Geschichte erzählen und damit möglichst viele Menschen erreichen. Dafür schreiben wir Bücher, Kurzgeschichten, erstellen Blogs, machen Podcasts, gehen auf Messen und Conventions, machen Lesungen, betreiben Fanseiten und Gruppen und bringen uns auf die unterschiedlichsten Arten in Diskussionen ein. Die Vielfalt unserer Kommunikationswege begreife ich dabei als Stärke.

Bedenklich finde ich es hingegen, wenn Einzelne oder gar ganze Gruppen Ausgrenzung betreiben und damit versuchen, die wundervolle Vielfalt wieder einzugrenzen oder eine Wertung vorzunehmen: Bin ich ein schlechterer Autor, weil ich meine Bücher im Selbstverlag bringe? Haben Autorinnen weniger Befähigung, gute Science-Fiction-Geschichten zu schreiben, nur weil sie Frauen sind? Wird jemand dafür verspottet, weil er den Begriff Steampunk als Genre verwenden will, das aber an einer harten Definition scheitert, die ebenso willkürlich wie diskutabel sind? Können sich Verleger auch von kleinen Verlagen alles erlauben, weil es genug neue Autoren gibt? Und darf jemand, der ein Nachschlagewerk moderiert, einfach bestimmen, was für die Allgemeinheit Relevanz hat und was nicht?
Ihr seht, es ist schon eine ordentliche Liste von Probleme, denen sich Branche zur Zeit gegenüber steht, aber meiner Meinung nach ist es eine Frage der Toleranz, denn: Es sollte allen Beteiligten immer nur um die Geschichte gehen.

Warum müssen Autorinnen ein eigenes Netzwerk gründen, in dem sie sich sicher und gut aufgehoben fühlen, sich vor den Anfeindungen männlicher Kollegen in Sicherheit bringen? Nicht falsch verstehen: Ich prangere es nicht an, das diese Gruppe entstanden ist, ich hinterfrage die Ursachen! Für mich ist es selbstverständlich, dass Männer und Frauen gleich gute Geschichten schreiben können. Leider scheint das aber in den Köpfen vieler meiner Kollegen noch nicht angekommen zu sein. Ich stehe unter Anderem in Kontakt mit meiner Kollegin Cara D. Strange und finde, dass sie großartige Arbeit leistet. Sie ist sowohl als Selbstverlegerin wie auch als Verlagsautorin unterwegs und beschreitet viele Wege, ihre Werke zu präsentieren, die ich wirklich beachtlich finde. Wovor sollte ich Angst haben? Dass sie eine bessere Autorin ist als ich? Sie ihr Universum besser dem Leser rüberbringt? Wenn dem so ist, kann ich sicher von ihr lernen. Und wenn sie Lesern Lust auf SciFi macht, die vorher damit noch nichts zu tun hatten, dann kann ich auch davon nur profitieren. Aus meiner Sicht gibt es da keine Konkurrenz!

Und dann war da noch der Versuch, aus „Steampunk“ eine eingetragene Marke zu machen und damit die Deutungshoheit über ein ganzes Genre zu erlangen. Warum? Aus Angst, das Genre könnte sich in eine Richtung entwickeln, die einer kleinen Gruppe von Leuten nicht gefällt? Wollen wir uns wirklich in unserer Kreativität so einschränken lassen, Begriffe nicht mehr nutzen oder interpretieren zu dürfen? Gibt es also richtigen und falschen Steampunk? Oder Phantastik? Oder Space-Opera?

Diese Gedanken setzen sich momentan sogar über das Genre hinaus fort: Ein Online-Nachschlagewerk verwirft zur Zeit offenbar eine ganze Reihe von Einträgen, die von Mitgliedern unseres Genre gemacht wurden. Aus meiner Sicht hat alles mit einer Liste angefangen, in der SciFi- und Phantastik-Autorinnen festgehalten wurden. Grund der Löschung: Fehlende Relevanz. Es gab eine riesige Diskussion zwischen wenigen Moderatoren und einem ganzen Fandom sowie den betroffenen Autorinnen, aber letzten Endes wurde die Liste gelöscht. Danach vielen andere Einträge dieser Einstellung zum Opfer, mit mangelnder Relevanz wurden Selbstverleger und deren Verbände aus dem Nachschlagewerk gelöscht – ein Prozess, der noch jetzt im Gange ist.
Wie kann es sein, dass einzelne Moderatoren soviel Macht haben und für alle Nutzer entscheiden dürfen, was relevant ist und was nicht?

Überhaupt: Diese Selbstverleger! Wie können diese Autoren es wagen, ihre Werke dem Leser anzubieten, wenn kein Verlag dahinter steht, der für eine gewisse Qualität steht? Ich kenne Selbstverleger und weiß, wie viel Mühe, Schweiß, Tränen, Herzblut und auch Geld in viele Projekte fließen, um eine Geschichte abzuliefern, die in der Qualität vielleicht sogar besser ist, als das, was die Verlage zum Teil anbieten. Trotzdem ist in der Branche das Ansehen dieser Autoren in der Regel nicht sehr hoch. Und jeder, der keinen Verlag hat (vielleicht, weil er nicht will), wird mitleidig belächelt. Nicht zuletzt auch von den Autoren, die bei Verlagen untergekommen sind.

Leute, es geht mir hier um Toleranz: Es geht doch um die Geschichten, die wir zu erzählen haben! Wird meine Geschichte weniger wert, weil ein anderer Autor auch eine schreibt und die vielleicht sogar noch gut ist? Können wir nicht voneinander profitieren, wenn wir zusammenarbeiten? Welchen unterschied macht es für den Lesern, wenn er ein Buch von einem Mann, einer Frau, irgendetwas dazwischen, jemandem, der sein Geschlecht gewechselt hat oder einem orlasischen Neutrum? Wenn die Geschichte Mist ist, legt er das Buch beiseite. Und wenn sie toll ist, empfiehlt er sie weiter (hoffentlich)! Spielt es eine Rolle, woher ein Autor stammt, wenn die Geschichte, die er erzählt, in sich stimmig ist? Ist der Veröffentlichungskanal das alleinig selig machende oder geht es ausschließlich um den Profit?
Mir geht es um die Geschichte! Und ich begreife meine Kolleginnen und Kollegen als Bereicherung. Sicherlich finde ich nicht alles gut, aber umgekehrt ist das bestimmt auch so. Am Ende entscheidet der Leser, was ihm gefällt und was nicht. Und wir alle wissen, wie unterschiedlich und vielfältig die Leser sein können.

Ich wünsche allen Autorinnen und Autoren viel Erfolg bei ihren Projekten! Auf das wir alle zusammen Spaß haben und dem Leser unser Genre immer wieder neu vorstellen und ans Herz legen!

In diesem Sinne gehe ich jetzt auch wieder an die Arbeit!

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